
Bei all dem Gesehenen, muss rückblickend die St.Moritz Art Masters erwähnt werden. Der Art-Event hat sich über vier Jahre zum festen Termin neben der ART BASEL und der TEFAF etabliert. Herausragend in 2011 war hier eine Jonathan Meese Ausstellung:
“Fohlen Jones gibt Pfötchen”.
Unweit von St.Moritz steht im Dorf Samedan ein beeindruckendes engadiner Patrizierhaus, die Chesa Planta. Der besonderer Charme des Hauses liegt in der sehr eigenen Mischung aus alpiner Rustikaliät und barocker Noblesse. Härter hätte ein Kontrast kaum sein können, als diesen Hort rätoromanischer Kultur mit Skulpturen und Gemälde von Jonathan Meese zu konfrontieren. Doch Kontrast bedeutet nicht zwangsläufig “gegeneinander”, auch die s/w-Streifen eines Zebras bilden eine perfekte Einheit als Fell. So stimmig und brillant setzte Meese dann auch seine Ausstellung “Fohlen Jones gibt Pfötchen” in diesen herb-eleganten Ort.
Meese gilt als einer der spannendsten jüngeren Künstler. Sein Werk in wenigen Worten zu beschreiben ist unmöglich, zumal er sich von der
Performance bis zur Barbie-Puppe an allem bedient, was mit Inhalten und Kontexten aufgeladen ist oder aufgeladen werden kann. Dazu bewegt sich Meese nicht ausschließlich in einer hermetischen Kunstwelt. Geschichte, Mythos und Film scheinen für ihn die gleiche gültige Zitatkammer zu sein, wie die Kunstgeschichte selbst. Helden, Ikonen und Metaphern sind für ihn immer gleich echt, ganz gleich welcher Herkunft.
Die Chesa Planta mit ihrer über 500 jähriger Mentalität, wurde zur Kulisse, eine Bühne für die spezielle Rethorik Meeses. Die ständige Ausstellung der Stiftung Planta Samedan zeigt überwiegend patrizische Wohnkultur des 17. – 19 Jahrhundert, hier tauschte Meese Bilder, Tischschmuck und Zierrat, durch eigene Gemälde und Kleinplastiken aus.





Mir schien das in Summe eigenartig “normal”, beinah wie immer da gewesen. Kein Wunder, dass Jonathan Meese den John Boorman-Film ZARDOZ genauso liebt wie ich. Im Film wird das
Buch “Der Zauberer von Oz” von Zed (Sean Connery) in einer verfallen Bibliothek entdeckt. So wird ein Märchen zum realen Impuls in einem psychedelisch-post-apokalyptischen Science-Fiction. Mit dem Verstehen des Buches, der Grundlage der Gottheit ZARDOZ, zerfällt das gültige Gesellschaftsmodel im Film wie ein angehäufter Bilderkanon im Malstrom kultureller Wahrheitsfindung.
Folgerichtig waren dann auch vor dem Eingang der Ausstellung die derb-monumantalen Bronze-Skulpturen DIE KÄMPFERIN de Large (KRIEMHILD de Stehender PUPPE, wie Burgfräulein Oktnpussy), 2008, 253 cm !!!

und DER KÄMPFER de LARGE (Der Zeushagen von Troja de NEUTRAL), 2008, 266 cm !!! aufgestellt.

Im Garten fand sich die Namesgebende Skulptur “Fohlen Jones gibt Pfötchen”. Das westlich antike und heutige rechtliche Götterbild hat Meese ersetzt-zersetzt, durch neue Mutanten deren Existenz durch Darth Vader, dem Eisernen Kreuz und Addidas-Streifen genährt werden. Danke lieber Jonathan.
Drei Fragen an Reiner Opoku, Kurator der St. Moritz Art Masters
Nikola: Was hat Dich veranlasst einen “barocken Bösewicht” wie Jonathan Meese einzuladen?
Reiner Opoku: Interessant ist, dass Jonathan Meese keinen Grenzen kennt, er ist bereit sich auf Vieles einzulassen. Gerade St.Moritz kann das gut gebrauchen. Jonathan kam im vergangenen Jahr mit seiner Mutter ins Engadin. Wir haben verschiedene Orte gemeinsam besucht, auch die Chesa Planta in Samedan. Von der stimmig bewahrten Geschichte des Haus war Jonathan sofort angetan, es war dann seine Idee diesen Platz zu bespielen.
Nikola: Der Philosoph Bazon Brock führte während der Art Masters einen Diskurs mit Jonathan Meese, entstand so etwas wie ein “Leitmotiv”?
Reiner Opoku: Ja, es ging sehr schnell um die “Diktatur der Kunst”. Bazon Brock führte die Diskussion im Rahmen unserer Artist Talks und Jonathan Meese erwies sich dabei als großartiger Sparringspartner. Bazon Brock und Jonathan Meese führten die Diskussion auch in das Publikum hinein, bei den Artist Talks ist es sehr nah. Es gibt eine super Aufzeichnung, ich hoffe Jonathan Meese wird sie publizieren.
Nikola: Was erwartet uns 2012 in St.Moritz?
Reiner Opoku: Wir arbeiten am Themenschwerpunkt “Brasilien”, es werden einige Künstler von dort kommen. Ein zweiter bedeutender Punkt ist die Zusammenarbeit mit Hans Ulrich Obrist (Co-Direktor der Serpentine Gallery, London), es geht um die Kuration eines größeren Projektes, hier sind wir noch in der Planung,. Natürlich gibt es auch im 5. Jahr der Art Masters die Artist Talks, auch Fotografie wird wieder ein Rolle spielen, sicher wird David LaCapelle dabei sein.
http://www.stmoritzartmasters.com/walk-of-art/kuenstler/18-jonathan-meese.html
http://www.cfa-berlin.com/exhibitions/jonathan_meese_23_januar_1970/works/
http://www.bazonbrock.de/werke/detail/?id=2373§id=2139&highlight=meese#sect
Die kommende St.Moritz Art Masters wir vom 24. August – 02.September 2012 gehen.
Wer es nicht bis zum Sommer aushält, sollte sich die Ausstellung “The Earth Laugs in Flowers” des amerikanischen Fotografen David LaChapelle nicht entgehen lassen. Sie findet vom 11. – 26. Februar 2012 in der Reformierten Kirche von St.Moritz statt.
http://www.davidlachapelle.com/

