nikola ritter

Archiv des Autors: nikola ritter

Die 90er

Mit der Kampagne Spring-Summer 2012 hat sich Bottega Veneta alias Tomas Maier für eine Collaboration mit Jack Pierson entschieden, das bringt mich zum nachdenken: Die 90er sind da, und keiner hat’s gemerkt! Das ist subtil.
Erinnerungen zwingen ein “Damals” auf. Damals – 1992, zeigte Aurel Scheibler in Köln Jack Pierson. Fotos in Schnappschussästhetik, abhängende schwule Jungs, Palmen, Blüten, narzisstisch, homoerotisch, authentisch und mit ungewohnt präsentem Undergroundglamour, einfach und roh an die Wand getackert. Wortblöcke aus gefunden Reklame-Typen: YOU, ANYONE, …. ich fand das extrem cool.
Die Publikation “Angel Youth” war der Hammer, ich habe sie noch. Glamour hatte hier nichts, gar nichts mit dem Luxus zu tun, den Tom Ford gerade neu erfunden und massenverständlich gemacht hatte. Es war genau der Zeitpunkt, als mir Nan Goldin und Cindy Sherman mit ihrem Kunst-Feminismus auf den Sack gingen, nicht so Rosemarie Trockel mit ihren Strickbildern. Dann gab es da noch Jenny Holzer, und zum Glück – Helmut Lang. (knapp 20 Jahre später fotografierte auch Nan Goldin für B.V., das war schön)
1995 brachte es die Vanity Fair auf den Punkt (und Pierson in die V.F.): “Jack Pierson is the all-American artist of the 90′s. Post-beat, post-camp, post-pop, post-conceptual, his highly praised and seemingly offhand art blends photography, sculpture, and poetry, nostalgic longing and nonchalant sexuality.” Genau, POST. Richard Prince legte mit seinen Cowboys und Rockerladys schon Anfang der 80er mit der Verwertung von Trivialkultur vor, es folgte Kitsch, Sex und Banalisierung von Jeff Koons, das sahen wir 1988 bei Max Hetzler in Köln. Eigentlich war jetzt immer Party. Mir fallen Namen wie Richard Artschwager, Haim Steinbach, Peter Halley und Philip Taaffe ein. Alles 80er, der Boden der 90er. ’92 traf ich in London zusammen mit Wilhelm Mundt bei Nicholas Logsdail, den Gogosian-Avatar Damian Hirst, der hatte in “Young British Artists” der Saatchi Collection gerade seinen Hai “The Physical Impossibility of Death in Mind of Someone Living” ausgestellt, der zweiten Dekade nach “New York Art Now”. Im Guggenhein New York sah ich 1995 Ross Bleckner, da zogen Homosexualität und der 80er-Rausch das Drama Aids in den etablierten kulturellen Kontext der 90er und damit zu Christie’s und Sotheby’s. Achtung, Underground in der ersten großen Stufe der Salonfähigkeit. Jetzt brauchte es nur noch 10–20 Jahre bis zur monetären Zweitverwertung. 2003 gewinnt Marc Jacob Murakami, fünf Jahre später Richard Prince für Louis Vuitton und sie machen Handtaschen (die waren schon gut), 2011 kreierte Anselm Reyle für Dior Nagellack und Goldtäschchen. Die Fashion-Welt scheint ihre Akkus mit geistigen Inhalten aufladen zu müssen, diese Bluttransfusion benötigt sie wohl für den Erhalt ihrer Glaubwürdigkeit. Die kulturelle Elite gibt sich im Gegenzug grenzenlos freizügig, Geld stinkt nicht – Saver Glam!
Im Unterschied dazu entscheiden sich Maier und Pierson, nicht in einem Produkt oder Dekor zu verenden. Es geht um Respekt, um Wertschätzung, nicht um Warentausch. Gewohnt souverän legt Maier den Blick Piersons wie ein Filter vor die Kamera. Was bleibt, ist das L.A.-Bungalow-Pool-Feeling, und dieses ist nicht käuflich – man muss es leben. Das entspricht der Marke ohne Logo, “When your own Initials are enough”.

Hier Jack Pierson bei Chriestie’s

Hier Jack Pierson für Bottega Veneta

Verschlagwortet mit , | Einen Kommentar hinterlassen

Lieblingsausstellung – Rückblick 2011

Bei all dem Gesehenen, muss rückblickend die St.Moritz Art Masters erwähnt werden. Der Art-Event hat sich über vier Jahre zum festen Termin neben der ART BASEL und der TEFAF etabliert. Herausragend in 2011 war hier eine Jonathan Meese Ausstellung:

“Fohlen Jones gibt Pfötchen”.

Unweit von St.Moritz steht im Dorf Samedan ein beeindruckendes engadiner Patrizierhaus, die Chesa Planta. Der besonderer Charme des Hauses liegt in der sehr eigenen Mischung aus alpiner Rustikaliät und barocker Noblesse. Härter hätte ein Kontrast kaum sein können, als diesen Hort rätoromanischer Kultur mit Skulpturen und Gemälde von Jonathan Meese zu konfrontieren. Doch Kontrast bedeutet nicht zwangsläufig “gegeneinander”, auch die s/w-Streifen eines Zebras bilden eine perfekte Einheit als Fell. So stimmig und brillant setzte Meese dann auch seine Ausstellung “Fohlen Jones gibt Pfötchen” in diesen herb-eleganten Ort.

Meese gilt als einer der spannendsten jüngeren Künstler. Sein Werk in wenigen Worten zu beschreiben ist unmöglich, zumal er sich von der
Performance bis zur Barbie-Puppe an allem bedient, was mit Inhalten und Kontexten aufgeladen ist oder aufgeladen werden kann. Dazu bewegt sich Meese nicht ausschließlich in einer hermetischen Kunstwelt. Geschichte, Mythos und Film scheinen für ihn die gleiche gültige Zitatkammer zu sein, wie die Kunstgeschichte selbst. Helden, Ikonen und Metaphern sind für ihn immer gleich echt, ganz gleich welcher Herkunft.
Die Chesa Planta mit ihrer über 500 jähriger Mentalität, wurde zur Kulisse, eine Bühne für die spezielle Rethorik Meeses. Die ständige Ausstellung der Stiftung Planta Samedan zeigt überwiegend patrizische Wohnkultur des 17. – 19 Jahrhundert, hier tauschte Meese Bilder, Tischschmuck und Zierrat, durch eigene Gemälde und Kleinplastiken aus.

Mir schien das in Summe eigenartig “normal”, beinah wie immer da gewesen. Kein Wunder, dass Jonathan Meese den John Boorman-Film ZARDOZ genauso liebt wie ich. Im Film wird das
Buch “Der Zauberer von Oz” von Zed (Sean Connery) in einer verfallen Bibliothek entdeckt. So wird ein Märchen zum realen Impuls in einem psychedelisch-post-apokalyptischen Science-Fiction. Mit dem Verstehen des Buches, der Grundlage der Gottheit ZARDOZ, zerfällt das gültige Gesellschaftsmodel im Film wie ein angehäufter Bilderkanon im Malstrom kultureller Wahrheitsfindung.

Folgerichtig waren dann auch vor dem Eingang der Ausstellung die derb-monumantalen Bronze-Skulpturen DIE KÄMPFERIN de Large (KRIEMHILD de Stehender PUPPE, wie Burgfräulein Oktnpussy), 2008, 253 cm !!!

und DER KÄMPFER de LARGE (Der Zeushagen von Troja de NEUTRAL), 2008, 266 cm !!! aufgestellt.

Im Garten fand sich die Namesgebende Skulptur “Fohlen Jones gibt Pfötchen”. Das westlich antike und heutige rechtliche Götterbild hat Meese ersetzt-zersetzt, durch neue Mutanten deren Existenz durch Darth Vader, dem Eisernen Kreuz und Addidas-Streifen genährt werden. Danke lieber Jonathan.

Drei Fragen an Reiner Opoku, Kurator der St. Moritz Art Masters

Nikola: Was hat Dich veranlasst einen “barocken Bösewicht” wie Jonathan Meese einzuladen?

Reiner Opoku: Interessant ist, dass Jonathan Meese keinen Grenzen kennt, er ist bereit sich auf Vieles einzulassen. Gerade St.Moritz kann das gut gebrauchen. Jonathan kam im vergangenen Jahr mit seiner Mutter ins Engadin. Wir haben verschiedene Orte gemeinsam besucht, auch die Chesa Planta in Samedan. Von der stimmig bewahrten Geschichte des Haus war Jonathan sofort angetan, es war dann seine Idee diesen Platz zu bespielen.

Nikola: Der Philosoph Bazon Brock führte während der Art Masters einen Diskurs mit Jonathan Meese, entstand so etwas wie ein “Leitmotiv”?

Reiner Opoku: Ja, es ging sehr schnell um die “Diktatur der Kunst”. Bazon Brock führte die Diskussion im Rahmen unserer Artist Talks und Jonathan Meese erwies sich dabei als großartiger Sparringspartner. Bazon Brock und Jonathan Meese führten die Diskussion auch in das Publikum hinein, bei den Artist Talks ist es sehr nah. Es gibt eine super Aufzeichnung, ich hoffe Jonathan Meese wird sie publizieren.

Nikola: Was erwartet uns 2012 in St.Moritz?

Reiner Opoku: Wir arbeiten am Themenschwerpunkt “Brasilien”, es werden einige Künstler von dort kommen. Ein zweiter bedeutender Punkt ist die Zusammenarbeit mit Hans Ulrich Obrist (Co-Direktor der Serpentine Gallery, London), es geht um die Kuration eines größeren Projektes, hier sind wir noch in der Planung,. Natürlich gibt es auch im 5. Jahr der Art Masters die Artist Talks, auch Fotografie wird wieder ein Rolle spielen, sicher wird David LaCapelle dabei sein.

http://www.stmoritzartmasters.com/walk-of-art/kuenstler/18-jonathan-meese.html

http://www.cfa-berlin.com/exhibitions/jonathan_meese_23_januar_1970/works/

http://www.bazonbrock.de/werke/detail/?id=2373&sectid=2139&highlight=meese#sect

Die kommende St.Moritz Art Masters wir vom 24. August – 02.September 2012 gehen.

Wer es nicht bis zum Sommer aushält, sollte sich die Ausstellung “The Earth Laugs in Flowers” des amerikanischen Fotografen David LaChapelle nicht entgehen lassen. Sie findet vom 11. – 26. Februar 2012 in der Reformierten Kirche von St.Moritz statt.

http://www.davidlachapelle.com/

Verschlagwortet mit , , | Einen Kommentar hinterlassen

“Meissen Löwin bei Lempertz”


Das Auktionshaus Lempertz Köln bietet am 17. November eine Sensation. Mit bester Expertise und einer moderaten Taxierung auf 800.000 – 1 Mio. Euro, wird eine Meissener  ”Sitzende Löwin” von Johann Gottlieb Kirchner aus dem Jahr 1733 angeboten. Porzellan-Großplastiken aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhundert zeigen sich äußerst selten auf dem Kunstmarkt, etwas Beeindruckenderes wurde in Meissen nie wieder gefertigt.

“Manche halten dies hier für Dekoration. So ein Unsinn, das hier ist hohe Kunst, höher geht es kaum.”
Peter Marino

In diesem Bereich gilt Johann Joachim Kaendler als das eigentliche Genie barocker Porzellangestaltung. Sein Paar Fischreiher erreichte im Juni 2005 bei Christie’s Paris die Rekordsumme von 5,6 Mio. Euro, ein Löwenpaar aus dem Wettiner Fürstenhaus kam im Dezember 2006 bei Christie’s London auf 2,8 Mio. Pfund (4,2 Mio. Euro). Einen beachtlichen Königsgeier bot dieses Jahr der Kunsthändler Neuse auf der TEFAF Maastricht für 2 Mio. Euro an.

J. G. Kirchner beschreibt in seinem Arbeitsbericht sein Modell als “Thieger”, ein Schreibfehler führte die Plastik bis heute in den Verzeichnissen als “Löwin” fort. Die Tiereplastiken wurden in Auftrag August des Starken für die Menagerie des japanischen Palais in Dresden gefertigt. Aus J. G. Kirchners Bericht geht hervor, er habe im November 1732 im Dresdner Jägerhof vier Modelle, Leopard, Tiger, Luchs und Stachelschwein, “auffen gröbste Possieret”. Zuvor erreichten 1731 zwei Tiger, Geschenke des Königs von Schweden, den sächsischen Königshof. Exotische Tiere waren zu jenen Zeiten Ausdruck machtvoller internationaler Beziehungen, ihre Fertigung aus Porzellan stellte den ultimativen Luxus dar, zumal Plagiate schon aus technischen Gründen nicht möglich waren.
Bis heute gilt die Fertigung von Porzellan-Großplastiken als heikel und risikoreich. Der Trocknungsprozess des Materials muss über Wochen verzögert werden und die Brenntemperatur extrem langsam gesenkt werden um Rissbildungen zu vermeiden. Auch das hohe Eigengewicht ist ein Problem. Wie die Ofenregulierung im 18. Jahrhundert so exakt kontrolliert werden konnte, bleibt ein Rätsel.
Die meisten großen Meissener Tiere befinden sich heute in der Porzellansammlung im Zwinger von Dresden. Die feinsinnigen Herren Martin Roth (Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 2001 – 2011) und Dr. Ulrich Pietsch (Direktor der Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden) ist es zu verdanken, dass die Präsentation der Sammlung, vor allem der Tiere, so klug und spektakulär von Interior-Superstar Peter Marino in Szene gesetzt worden ist. Der New Yorker zeichnet sich verantwortlich für die Interiors von Chanel, Dior, Louis Vuitton, Hublot, den Yacht Club Costa Smeralda usw…

http://www.petermarinoarchitect.com/www/#/home

Wer sich für sammelwürdiges Porzellan interessiert, sollte sich für eine seriöse Anlage ausschließlich am 18. Jahrhundert orientieren. Hier wäre der Münchner Kunsthändler Röbbig zu empfehlen.
www.roebbig.de

Wer subtiles Luxus-Porzellan von heute möchte, dem sein ein Blick zur KPM Berlin angeraten. Die KPM kooperiert mit Bugatti und Bottega Veneta. Luxus ist eben an Werte inhaltlicher Art gebunden, womit hat sich Tomas Maier folgerichtig für die Manufaktur der Aufklärung entschieden hat.
http://www.bottegaveneta.com/default/stories/gallery-living-kpm-collaboration.html

Verschlagwortet mit , , , , | Einen Kommentar hinterlassen

Museum auf Zeit/TEFAF Maastricht

Museum auf Zeit

Die TEFAF (18.-27. März) in Maastricht ist die Königin aller Kunst- und Antiquitätenmessen. Was hier zehn Tage lag präsentiert wird, gehört zum Besten was die Kunstgeschichte hervorgebracht hat. Entsprechend ergibt sich eine Atmosphäre, die ihres Gleichen sucht. Das Alles ist ein extremer Genuss für Augen, Herz und Verstand. Handtäschchen im Logo-Design gehen hier gar nicht, Hermés, Delvaux, Bottega gehören zum Code. Es wirkt ohnehin alles blass gegen das, was es zu sehen (und kaufen) gibt. Ich traf dort den Kunsthändler Ralph Wernicke aus Berlin:

Nikola: Gibt es auf der TEFAF einen Trend?

Ralph: Hier gibt es nur einen Trend und zwar den zur Qualität. Die Händler zeigen hier Spitzenqualität in ihrem jeweiligen Spezialgebiet. Es ist ein Fest fürs Auge und ein Museum auf Zeit. Dabei muss es sich nicht immer um Objekt im Miillionenbereich handeln. Es gibt auch in preiswerteren Regionen Entdeckungen zu machen wie z.B. frühe Delft Fayencen oder japanische Bronzen des 19./20. JH..

Nikola: Deine Highlights?

Ralph: Napoleonische Klapp-Stühle aus Stahl um 1800 bei Perrin, ein paar Porzellanhírsche, China 18. JH bei Cohen&Cohen, einen Elfenbein-Schwertgriff von Christoph Maucher bei Daniel Katz. An fast jedem Stand kann man außergewöhnliche Kunstwerke entdecken.

Nikola: Was zeichnet die Messe aus?

Ralph: Besondere Stärke der Messe ist das Angebot an Altmeistergemälden. ca. 70% der international jährlich zu Verfügung stehenden Spitzenqualität wird von den Händlern für Maastricht reserviert, das gilt auch für alle anderen Spezialgebiete. Die Messe ermöglicht Qualität, Zustand und Preise zu vergleichen. So.z.B. kann man wenn man sich für Bilder von Breughel interessiert immer 5 bis 6 verschieden Bilder finden und vergleichen, ebenso bei den Möbeln von Röntgen. Bei Preisen bis in die Millionenhöhe ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Ein Feuerwerk der Qualität.

Nikola: Warum Maastricht?

Ralph: Man möchte meinen die kleine Stadt Maastricht liegt “in the middle of nowhere”, was stimmt, zugleich aber auch in der Mitte eines Einzugsgebietes welches Deutschland Frankreich und die Benelux Länder umfasst. Alles Regionen mit einer langen Kunstsammeltradition. Keine Ablenkung wie in NY, man konzentriert sich auf das Wesentliche, das Beste.

Diesjähriger Star ist ein rares Gemälde aus dem Spätwerk von Rembrandt Harmensz van Rijn, das „Porträt eines Mannes” von 1658, es ist bei Otto Naumann New York, für 47 Millionen Dollar zu erwerben. Ein weiteres Highlight ist Renoires „Femme cueillant des Fleurs“ von 1874, es ist Camille, die jung verstorbene Frau Claude Monets in einem Blütenmeer, zu haben für 15 Mio. $, bei Dickinson aus London. Doch es will nicht enden, Bruegel bis Bacon, Lucian Freud (2,8 Mio. Brit. Pfund bei Daniel Blau, München) bis Lucio Fontana (Galerie Karsten Greve, Köln/Paris/St.Moritz), Schätzt über Schätze….
Was ich brauche: Meissener Großplastik, ein Geier modelliert von Kirchner und Kaendler ca. 1731. Bei Galerie Neuse für 2 Mio. Euro. / Eine weiter Plastik von Ginori, Doccia, ca 1760. Und da wäre noch der Sessel mit Eisenlehnen für Azucena von Gaccia Dominioni aus den 50ern und natürlich Riethfelds Drahtglas-Sideboard bei Galerie Fiedler.


mehr Bilder sind hier zu finden >>

1 Kommentar

TINA BERNING IM INTERVIEW

Wie Alex schon berichtet hat, ist die Ausstellung FACE/project von Tina Berning & Michelangelo Di Battista in Berlin absolut beeindruckend. Weitere Arbeiten von Berning & Di Battista sind Teil der Ausstellung FASHION! im Museum Fotografiska, zu sehen in Stockholm bis zum 2. Januar 2011. FASHION! zeigt die Entwicklung von Fashionfotography mit über 150 Werken, von den 20er Jahren bis heute.

Interview: Nikola Julius Ritter & Tina Berning in Berlin, Oktober 2010

Nikola: Du bist als Illustratorin international tätig, das bedeutet, dein Stil scheint so etwas wie ein internationaler Dialekt zu sein. Auf jeden Fall hast du großen Einfluss auf die Bildkultur maßgeblicher Redaktionen und Werbeagenturen in kommerziellen Bereichen. Wie kam der Schritt “frei” zu arbeiten?

Tina: Wenn man wie ich viel arbeitet, bleibt viel unverwertet. Ganz nebenbei ist eine Sammlung an Skizzen und Malereien entstanden, die sich den Aufträgen entzogen hatten. Ich denke mit “100 Girls On Cheap Paper” ist zum ersten mal etwas Zusammenhängendes entstanden, etwas Fundamentales. Es war wie eine Antwort, auf eine Frage die mir niemand gestellt hatte. Das war 2006, und ich habe Blut geleckt …

Nikola: 2007 entstand dann die Serie für VOGUE ITALIA mit Michelangelo Di Battista. Wie kam das zustande?

Tina: Michelangelo suchte jemanden, der analog beim Shooting gezeichnete und gemalte Elemente erstellt, die mitfotografiert werden. Wir trafen uns in Paris. Es sollte ein experimentelles Fashion-Shooting sein, aber alle merkten, hier passiert mehr. Entscheidend war und ist: wir arbeiten intuitiv. Da wir beide Workaholics sind, ist das Arbeiten immer die Spitze gesammelter Erfahrung. Wir müssen nicht viel reden, es läuft beinahe von selbst. Während Michelangelo mit seinem Team ein Model, ein Motiv vorbereiteten, arbeitete ich ebenfalls, sozusagen “life” mit Pinsel, Farbe und Schere. Das finale Ergebnis war eine übereinstimmende Betrachtung  – seitdem arbeiten wir zusammen, mal synchron, mal nacheinander.

Nikola: Es sind immer Frauen (Models) zu sehen. Ist euer Blick auf die Schönheit der Frau ein Ersatz für das klassische Madonnen-Portrait? Eure Arbeiten sind ja in dieser Form nicht mehr kommerzieller Herkunft, aber zu Beginn gab es auch keine Intuition im Kontext zeitgenössischer Kunst zu arbeiten. Ein Grenzgang den ich auch bei dem Fotografen Joachim Baldauf sehr spannend finde.

Tina: Über Madonnen habe ich noch nicht nachgedacht. Aber es geht auch um ein modernes Frauenbild. Frauen wie Claudia Schiffer, Amber Valetta oder Anja Rubik haben in der Fashionfotografie etwas Öffentliches, man soll das Motiv ja als Konsument betrachten, das Model am besten ausziehen und die Kleider behalten. In unseren Arbeiten bekommen sie wieder etwas Privates, es darf wieder weiblich, persönlich und damit auch schön sein. Vielleicht ist es die entstehende, bleibende Präsenz, die an Madonnen-Portrais erinnert. Es geht mehr um Aura als um Glamour.

2011 erscheint das Buch zum Projekt bei Hatje Cantz.

Fotos: Im Atelier und Tina Berning mit Freund Julio

2 Kommentare